Betriebsbesichtigungen & Arbeitsplatzerkundungen
Neben Praktika sind Betriebsbesichtigungen sowie Betriebs- und Arbeitsplatzerkundungen bewährte Maßnahmen der Beruflichen Orientierung. Sie ermöglichen Einblicke in die verschiedensten Organisationsformen der Berufs- und Arbeitswelt.
Hier erfahren Sie, was diese Maßnahmen ausmacht, wie sie sich unterscheiden und was benötigt wird, um sie erfolgreich in den schulischen Alltag zu integrieren.
Besichtigung vs. Erkundung
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Kriterium |
Besichtigung |
Erkundung |
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Ziel |
Überblick über einen konkreten Betrieb und die dortigen Tätigkeiten |
vertiefte Auseinandersetzung mit Berufen, Arbeitsplätzen und Bedingungen |
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Rolle der Schülerinnen und Schüler |
überwiegend passiv: Rolle des Gastes proaktives Verhalten begrenzt sich auf die Aufmerksamkeitssteuerung und das Stellen von Fragen |
überwiegend aktiv proaktives Verhalten durch eigenständiges, gezieltes Beobachten, Befragen und Sammeln von Informationen im Rahmen des Erkundungsauftrages |
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Vorbereitung Lehrkraft |
Terminorganisation mit Betrieb, kurze thematische Einführung zu Betrieb/Branche (Rahmenplanbezug), evtl. Sammlung von Leitfragen anschließende Auswertung und Reflexion (Bezug zur Beruflichen Orientierung der SuS) |
Terminorganisation mit Betrieb, inhaltliche Einbettung (Rahmenplanbezug), Erarbeitung von Erkundungsaufträgen, anschließende Auswertung und Reflexion (Bezug zur Beruflichen Orientierung der SuS) |
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Vorbereitung Betrieb |
Planung einer Betriebsführung, kurze Präsentation zum Betrieb und zu möglichen Ausbildungsberufen, ggf. Bereitstellung einer Ansprechperson |
organisatorische Absprachen mit Lehrkraft (über Zeit und Ziel), Einführung in den Betrieb, evtl Führung, Auswahl geeigneter Arbeitsplätze oder Abteilungen für Erkundung, Bereitstellung von Zeit für Fragen und Beobachtungen, sowie Fachkräften und/oder Auszubildenden als Gesprächspartner*innen, ggf. kurze Demonstrationen typischer Tätigkeiten |
Vorbereitung
Besichtigungen und Erkundungen sind nur dann wirksam, wenn sie im Unterricht gründlich vorbereitet werden.
- Ein ausführliches Vorgespräch der Lehrkraft mit der zuständigen Kontaktperson des Unternehmens ist unabdingbar.
- Je nach Maßnahme und Zielstellung der Lehrkraft sollen die Jugendlichen im Vorfeld Klarheit darüber haben, welche Organisation der Berufs- und Arbeitswelt besichtigt bzw. erkundet wird und welche Ziele verfolgt werden: Was wollen wir am Ende wissen bzw. erfahren haben?
- Gegebenenfalls wird ein Erkundungsauftrag (s.u.) erstellt.
- Die Jugendlichen sind über Verhaltensregeln und Umgangsformen im besuchten Unternehmen aufzuklären bzw. zu belehren.
Dieser ermöglicht es, bzgl. ausgewählter Themen, Aspekte bzw. Ausschnitte der Berufs- und Arbeitswelt zu vertieften Eindrücken und Erkenntnissen zu gelangen.
Schritt 1: Die Fülle möglicher Aspekte bzw. Fragen werden in einem ersten Schritt von der Lehrkraft gemeinsam mit den Jugendlichen vorbereitet, eingegrenzt, variiert und ggf. auch individualisiert.
- Dieser Auftrag kann implizit berufsorientierend sein, wenn er sich auf konkrete schulische Fachinhalte bezieht, die in der Berufs- und Arbeitswelt Anwendung finden.
- Er ist explizit berufsorientierend, wenn er sich übergeordnet auf die Berufs- und Arbeitsweilt bezieht, bspw. auf (einen) im Unternehmen ausgeübten Beruf(e), auf konkrete Arbeitsplätze, seine Bedingungen und/oder auch auf diesbezügliche Bildungswege und -voraussetzungen etc.
Schritt 2: Je nach Zielgruppe erfolgt in einem zweiten Schritt eine Verständigung darüber, welche der Aspekte bzw. Fragen für Beobachtungen geeignet sind und welche es erfordern, Mitarbeitende direkt anzusprechen und zu befragen.
Der Erkundungsauftrag kann entweder den Fokus auf den Betrieb oder auf den Arbeitsplatz setzen. Während bei einer Betriebserkundung die gesamte Organisation oder ein Bereich im Vordergrund steht, fokussiert die Arbeitsplatzerkundung einen konkreten Arbeitsplatz. Zugleich lassen sich die Begriffe nicht trennscharf voneinander abgrenzen. Deutlich werden die unterschiedlichen Perspektiven an möglichen Aspekten bzw. Impulsfragen.
Hier finden Sie beispielhafte Aspekte bzw. Impulsfragen, die sich je nach Zielstellung eingrenzen bzw. konkretisieren lassen. Sie sind an die konkreten Bedingungen und an die Zielgruppe anzupassen.
Fokus Betriebserkundung:
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Aspekt |
beispielhafte Fragestellungen |
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Technologie
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Ökologie
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Ökonomie
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Soziales
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Berufsorientierung
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Fokus Arbeitsplatzerkundung:
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Arbeitsaufgaben
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Arbeitsmittel
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Arbeitsbedingungen
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Soziales Gefüge & Kommunikation
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Voraussetzungen für die Mitarbeitenden
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Wie können Erkundungen organisatorisch und konzeptionell in den Schulalltag integriert werden?
Erkundungen können im Klassenverband in Form eines Unterrichtsgangs durchgeführt werden oder auch in Wander- oder Projekttage eingebettet sein.
- Die Lehrkraft stellt den Kontakt zum Unternehmen her und klärt die Rahmenbedingungen.
- Es ist möglich – je nach Zielgruppe und Unternehmen – die Jugendlichen vor Ort allein, zu zweit oder auch in Kleingruppen mit ggf. auch unterschiedlichen Aufträgen zu betrauen.
- Die Lehrkraft ist bei der Erkundung dabei und unterstützt individuell.
Erkundungen können auch durch die Jugendlichen außerschulisch selbstständig umgesetzt werden. Hierbei erkundet jede(r) Schüler:in einen Betrieb oder Arbeitsplatz (z.B. in ihrem familiären oder näheren sozialen Umfeld) und zwar außerhalb des durch die Lehrkraft begleiteten Schulalltags.
- Die Lehrkraft sichert die Vorinformation für die Unternehmen und steckt das Feld der Möglichkeiten für die Schüler:innen ab.
- Die Jugendlichen stellen selbst den Kontakt zum Unternehmen her, vereinbaren einen individuellen Termin und führen die Erkundung eigenständig durch.
- Die Orientierung und Vernetzung der Jugendlichen in ihrem individuellen (familiären und sozialen) Umfeld wird aktiviert.
- Die Lehrkraft stellt sicher, dass alle Jugendlichen tatsächlich einen Erkundungsgang mit konkretem Termin und Ansprechperson vereinbart haben. Da die sozialen Supporte durch die Familien so unterschiedliche stark ausgeprägt sind, sollte die Lehrkraft hier im Gebot des Chancenausgleichs die Jugendlichen unterstützen, denen es selbst nicht gelingt, die aber auch nicht von ihren Familien unterstützt werden.
Nachbereitung
Besichtigungen und Erkundungen sind nur dann wirksam, wenn sie im Unterricht gründlich nachbereitet werden.
- Die konkrete Umsetzung der Nachbereitung und ggf. der fachunterrichtlichen Einbindung hängt von der konkreten Zielstellung der Maßnahme ab.
- Was bzgl. der Beruflichen Orientierung nicht fehlen darf, ist eine Reflexion der erlebnishaften Erfahrungen, denn häufig liegen hierin die subjektiven Eindrücke verborgen, die für die individuelle Berufliche Orientierung relevant sind.
- Was ist noch besonders in Erinnerung?
- Was hat besonders beeindruckt?
- Womit habt Ihr nicht gerechnet/Was hat Euch überrascht?
- Formuliere die drei für dich wichtigsten Information/Eindrücke/Erkenntnisse.
Bertelsmann Stiftung, SCHULEWIRTSCHAFT Deutschland, MTO Psychologische Forschung und Beratung GmbH (Hrsg.) (2024): Leitfaden Berufliche Orientierung. Praxishandbuch zur qualitätszentrierten Ausbildungs- und Studienorientierung an Schulen, Gütersloh: Bertelmann, S. 81 f.
May, H. (2009): Didaktik der ökonomischen Bildung. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, S. 102 f.
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (Hrsg.) (2018): Erkundung – komplett und sicher. Druckfertige Vorlagen für Organisation, Durchführung und rechtliche Sicherheit. Kaisheim: PrePress-Salumae.com (Link)
Weiterführende Links: